| Die Arbeiten
von Andrea Milde sind ein hervorragendes
Beispiel für die technischen und thematischen
Möglichkeiten, die der Bildteppich
in sich birgt. Es überrascht, heutzutage einer
schöpferischen Tätigkeit zu
begegnen, bei der die Zeit für die Fertigstellung eines Werks
in Monaten oder
gar in Jahren zu messen ist, und der Technik höchste Bedeutung zukommt. Aber
diese vor 42 Jahren in Ennepetal
geborene Weberin
bewahrt eine hartnäckige Leidenschaft für ihre Kunst,
die sie stets ermutigt
hat weiter zu arbeiten, trotz des geringen Stellenwertes, der dem
Bildteppich
in unserer Zeit zuerkannt wird. Ihre erste künstlerische Neigung galt, wie kaum anders zu erwarten, der Malerei. Schon in ihrer Kindheit hatte sie dann an einem einfachen Schulwebrahmen Weben gelernt, denn, wie sie selbst erklärt, zu meiner Zeit brachte man den Mädchen in der Schule im Handarbeitsunterricht noch das Weben bei, während die Jungs Werkunterricht hatten. Etwas scheint sie an diesem einfachen Webrahmen aus ihren Kindertagen fasziniert zu haben, denn mit 20 Jahren ging sie nach Frankreich, an die École d’Art Décoratif d’Aubusson, um den Geheimnissen der Webkunst auf die Spur zu kommen. Dort entstanden Les poisson (1984/1995), die, in Form eines Stillebens, wohl die klassischste Arbeit innerhalb ihres bisherigen Gesamtwerks darstellen. 1986 verlegt sie ihren Wohnsitz nach Madrid, wo sie seitdem lebt und arbeitet. Aus beruflicher Sicht hat dieser Wechsel ihr kaum Vorteile gebracht, da in Spanien, wenn es um den Erwerb von Kunstwerken geht, die Bildweberei, wenn überhaupt beachtet und betrachtet, weit hinter der Malerei und Bildhauerei zurück bleibt. Doch konnte all dies ihre Leidenschaft für die schwierige Kunst des Webens, die so teuer weil zeitaufwendig und unglaublich langsam ist, nicht mindern. Ihrer Hingabe haben wir es zu verdanken, dass wir heute so viele und so verschiedenartige Werke betrachten können, die sich sowohl durch die ausgewogene Formgebung und Farbsetzung, wie auch durch die tiefgründigen Inhalte auszeichnen, und Zeugnis vom malerischen Feingefühl der Künstlerin und von ihrer weberischen Geschicklichkeit ablegen. Andrea arbeitet an einem Hochwebstuhl, einer riesigen Holzstruktur die sich kaum von denen unterscheidet, die heute noch aus Goyas Zeiten in der Real Fábrica de Tapices bewahrt werden. Vor 10 Jahren hat sie ihren Webstuhl, der heute nicht mehr hergestellt wird, von einem dänischen Fabrikanten für 5000 Euro gekauft. Der Webstuhl besteht aus zwei grossen Rollen, zwischen denen die Kette gespannt wird: eine Unzahl von Fäden, in die als tragende Struktur der Schuss eingelegt wird, der später das eigentliche Bild des fertigen Teppichs zeigt. Unter der Kette wird die Vorlage befestigt, nach der sich die Weberin bei ihrer Arbeit richtet, wenn Andrea auch zugibt, diese Vorlage normalerweise nicht sehr detailliert auszuarbeiten, weil sie alles im Kopf hat. Der Webstuhl hat keine Pedale mit denen die Kettfäden getrennt werden können und das Fach entsteht, um den Schussfaden einzulegen. Daher werden an einer horizontal liegenden Leiste Litzen geknüpft, lange Schlaufen, die jeden zweiten Kettfaden umfassen und mit deren Hilfe die hinten liegenden Fäden der Kette nach vorn gezogen werden, um das Gegenfach zu bilden. Diese beachtliche Holzstruktur ermöglicht es ihr, Teppiche von bis zu zwei Metern Höhe zu weben. Bei der Bildwirkerei handelt es sich um eine Kunst, die notwendigerweise auf die Beherrschung der Technik angewiesen ist und sich dadurch von manchen Manifestationen der aktuellen Kunst unterscheidet, bei denen die handwerkliche Arbeit nur allzuoft unbeachtet bleibt und dem Zufall und der Improvisation viel Freiraum eingeräumt wird. Aber Andrea hält es für unerlässlich, dass man, gleich bei welcher künstlerischen Ausdrucksweise, immer darum bemüht sein sollte, die Technik weitestgehend zu beherrschen, weil man nur so in der Lage ist, sich die künstlerische Freiheit heraus zu nehmen, sie zur Anwendung zu bringen oder nicht. Und eben dies tat sie, als sie sich von der figurativen Weberei abwandte, um ihre Collagen zu weben. Diese geben vor, es handele sich um eine Komposition übereinander angeordneter Elemente, wie bei den authentischen Collagen. Alle Texturen und Formen, aus denen sie bestehen werden jedoch auf ein und derselben Kette gebildet. Gerade das macht sie so bemerkenswert, da sie den Eindruck erwecken, wir befänden uns vor unterschiedlichen Objekten die erst auf verschiedenen Ketten gearbeitet und dann übereinander angeordnet worden wären. Um diese Wirkung zu erzielen verwendet Andrea die unterschiedlichsten Materialien: von der Seide, über die Baumwolle und Wolle bis hin zum Hanf (wie er von den Klempnern zum Abdichten verwendet wird), Arcyl und synthetischen Fasern. Zu diesen abstrakten Arbeiten gesellen sich eine Reihe figurativer Werke. Unter ihnen Cenefa I und II (1995) und Turmsteiger (1996), die mit ihren einfachen, gedrungenen, kindlich wirkenden Formen an die Zeichnungen mittelalterlicher Manuskripte erinnern. Conjunta (1994) und Separable (1997), zwei “Portraits” eines älteren Ehepaares, sind da wesentlich realistischer. Der Name dieser Arbeiten geht auf den Humor ihrer Erschafferin zurück, die sie zusammen (conjunta-mente) und getrennt (separable) verkauft. Dabei schöpft diese aus Deutschland stammende Künstlerin aus den unterschiedlichsten Quellen, lässt sich durch die mittelalterliche Malerei und die nordische Genremalerei ebenso inspirieren, wie durch die zeitgenössische abstrakte Kunst. Einige ihrer Werke, als Beispiel seien hier Die sieben Marien (1997/2001) genannt, gehen auf Fotos zurück, die sie an ihre aus Ostdeutschland stammende Grossmutter erinnern; Fotos, die das Altern und das entbehrungsreiche Landleben widerspiegeln. Denn wie sie selbst dazu sagt, all denen, die wie ich mit Fäden arbeiten, fällt es sehr schwer etwas durchzutrennen, und so werden die Familienbande und Wurzeln stets ein Bezugspunkt für ihre Arbeit sein. Die Verwendung dieser Familienerinnerungen hilft ihr sozusagen dabei, die Vergangenheit einzufangen, denn diese Lebensweise ist in Deutschland ebenso wie in Spanien nach und nach verloren gegangen. In gewissem Sinne vermittelt uns Andrea das Gefühl, ein Teil ihrer selbst scheine der Vergangenheit anzugehören, denn sie definiert sich als Wirkerin, so wie dies ihre Kolleginnen taten, die sich in vergangenen Zeiten in Werkstätten oder Klöstern dieser Arbeit widmeten. Allerdings mit einem Unterschied, denn Andrea führt alle Phasen der Herstellung, die in einer Weberei anfallen, selbst durch: von der ersten Idee, über den Entwurf und die Ausarbeitung der Vorlage bis hin zur Vorbereitung des Webstuhls und der eigentlichen Wirkarbeit. Deshalb geht es nur langsam voran, und ihrer Hände Arbeit kommt den Ideen nicht hinterher, die sich in ihrem Kopf darum drängeln, verwirklicht zu werden. Die Gewissenhaftigkeit und Hingabe, mit der Andrea ihre Ideen in Bildteppiche umsetzt, tut deren Aktualität jedoch keineswegs Abbruch, denn in ihre Teppiche webt sie ihre eigene Weltanschauung und all das hinein, was sie bewegt, beunruhigt und betroffen macht. Ein Beispiel hierfür sind Die sieben Marien, ihr bisher grösstes in vierjähriger Arbeit entstandenes Werk. Die Serie setzt sich aus sieben Teppichen zusammen, die ebensoviele Figuren darstellen: eine Gruppe älterer Frauen, die auf einer Bank sitzend im Gespräch vertieft scheinen. Das Spiel der Blicke und Gesten lässt in uns die Frage aufkommen, was sie sich wohl erzählen mögen. Den Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels findet der Betrachter am unteren Rand des Teppichs, wo eine Serie schematisch dargestellter Figuren uns eine ebenso dramatische wie wahrhaftige Geschichte erzählt: eine Geschichte häuslicher Gewalt, die körperliche Misshandlung einer Frau durch ihren Ehemann, das Leid der Kinder, das fehlende Eingreifen ziviler und kirchlicher Autoritäten, die nur teilnahmslos zusehen. Schliesslich stirbt die Ehefrau von ihres Mannes Hand, kehrt jedoch als Geist zurück, einer biblischen Judith gleich, um ihren Mann zu enthaupten. So sind die traurigen Gesichter dieser sieben Alten leicht zu verstehen, ihre müden Blicke und das Schweigen, das nur im vertrauten Kreis gebrochen wird. Dazu handelt es sich bei den Sieben Marien um ein Werk von grosser formaler und technischer Schönheit, mit klaren Konturen und einer perfekten Farbkombination.Ein neues Projekt auf dem Land Die Künstlerin zeigte uns ihre Arbeiten in Madrid, im Retiro-Park, auf der Holzbrücke eines Kinderspielplatzes. Sie fand Gefallen daran, ihre Arbeiten in diesem ungewöhnlichen Kontext vorzustellen, so als wenn es sich um ein Kinderspiel handeln würde, bei dem eine andere Werteskala und ein anderes Zeitempfinden zum Tragen kommen, denn für Kinder existiert die Zeit als solche nicht, sie leben jeden Augenblick wie eine kleine Ewigkeit. Auch die Wirkerei wahrt aufgrund des langsamen Herstellungsprozesses eine ganz besondere Beziehung zur Zeit. Deshalb ist Andrea der Meinung, ihre Kunst sei anderen Zeiten, anderen Bereichen zugehörig. Die Lebensqualität in der Grossstadt, in diesem Fall Madrid, hat sich in den letzten Jahren zunehmend verschlechtert und zwingt einem einen Lebensstil auf, der von Eile und Konsum geprägt ist. Daher hat sie beschlossen aufs Land zu ziehen und ein Umfeld zu suchen, das es ihr leichter macht, ihre Arbeit mit der Umgebung in Einklang zu bringen. Für ihr Projekt hat sie Unterstützung aus dem mit Geldern aus der EU finanzierten Leader-Programm erhalten, dessen Ziel es ist, die von der Landflucht betroffenen Gegenden, wie Castilla y León, neu zu bevölkern (www.abrazalatierra.com). Andrea beabsichtigt in dem ehemaligen Kloster und heutigen Hotel von Santa María de Mave, Palencia, ein Textilkunst-Zentrum einzurichten, das Ausstellungsräume für Kunst und Kunsthandwerk aus dem textilen Bereich und ein umfassendes didaktisches Programm mit Kursen sowie einem Museumsteil anbieten möchte. Dabei ist an die Künstler und Kunsthandwerker aus der textilen Sparte gedacht, die in dem Textilkunst-Zentrum einen Raum zur Aus- und Weiterbildung, zum Austausch und zur Zusammenarbeit finden sollen. Geplant sind Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene von bis zu zehn Personen, sowohl während der Sommermonate, als auch über das restliche Jahr hinweg. Diese auf die Ausbildung ausgerichtete Facette ergänzt sich durch die offene Werkstatt und den Ausstellungsbereich. Ausserdem ist ein didaktischer Bereich vorgesehen, in dem die technischen Grundbegriffe der Wirkerei erklärt werden, die Materialien und Werkzeuge und die unterschiedlichen Phasen des Herstellungsprozesses. Und natürlich wird auch der Ladenbereich nicht fehlen, in dem der Besucher Arbeiten aus der Werkstatt oder des/der jeweils ausstellenden Künstlers/Künstlerin erwerben kann. Es ist ein Versuch, das vom Aussterben bedrohte Kunsthandwerk zu bewahren und neu zu beleben, denn Andrea fürchtet, dass die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegebene Kunst des Webens sonst bald verloren gehen könnte. Gegenwärtig arbeitet Andrea an ihrem wohl ehrgeizigsten Werk: einem Bildteppich von 4,30 m Länge und rund 2 m Höhe. Hauptthema ist diesmal das Drama der aus Afrika tagtäglich an unseren Küsten strandenden Flüchtlingsboote. Es ist Teil einer globalen Reflexion über die Flüchtlingsbewegungen aller Völker, das soziale und wirtschaftliche Ungleichgewicht, über eine Welt beherrscht von Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Mit Rückgriff auf ein Motiv der mittelalterlichen Ikonographie ordnet sich die gesamte Komposition um einen enormen Höllenschlund an. Unten, erscheint das Meer voller "cayucos", den kleinen, einfachen Fischerbooten in denen die Flüchtlinge die Überfahrt wagen. Links, eine Abschiedsszene in der Heimat, zwischen den Starken, denen die gehen, und den Alten, Schwachen und Kindern, die in ihrer Welt voller Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit zurückbleiben müssen. Nicht alle Boote erreichen heile ihr Ziel und ihren Insassen gelingt es nicht immer, ihr Leben zu retten. Eine gottähnliche Figur trohnt über der ganzen Szene, möglicherweise eine Frau, erzählt uns die Künstlerin, als eine Art Mutter Erde. Unzählige weitere Figuren, unter ihnen Akrobaten und wilde Tiere, ergänzen die Komposition. Zwei grosse Augen, in denen 'veo,veo' und 'qué ves' zu lesen ist (spanische Version unseres Kinderspiels "Ich sehe was, was du nicht siehst...") dienen dem Betrachter als Schlüssel auf der Suche nach der eigentlichen Aussage des Kunstwerks, die nur dann zu entziffern ist, wenn man sich umdreht und den Bildteppich im Spiegel betrachtet. Denn dann sehen wir uns auf einmal selbst in diesem Höllenschlund und lesen: La feria de las bestias (Das Fest der Bestien), und die Ankündigung dreier grosser 'Funktionen' (angemerkt sei hier, dass "función" im Spanischen sowohl die Funktion im Sinne einer Tätigkeit bedeutet, als auch die Vorstellung in einem Zirkus oder Theater), nämlich 'Esclavizar, Explotar, Engañar' (Versklaven, Ausbeuten, Betrügen). Es handelt sich um die Wahrnehmung einer feindseligen Welt, sowohl im Bezug auf das alltägñiche Leben, als auch angesichts der weltweiten Ungleichheiten und Kriegssituationen. Wie alle Kunstschaffenden hat auch Andrea etwas, was sie besonders fasziniert: Hände. Schliesslich sind sie ihre Instrumente, und in ihren Entwürfen und Teppichen bemüht sie sich darum, sie besonders sorgfältig auszuarbeiten. Ausserdem ist sie der Meinung, dass einige ihrer Teppiche, wie zum Beispiel die Sieben Marien nicht direkt an die Wand gehängt werden sollten, damit man beide Seiten betrachten kann: Teppiche sind wie wir Menschen, sie haben eine sichtbare und eine verborgene Seite; diese verborgene Seite zeigt unser Innerstes, unsere Gefühle. Wenn man bedenkt, wie mühsam die Herstellung eines Bildteppichs ist und wieviel Hingabe sie verlangt, scheint es ausserordentlich, dass Andrea Milde an ihrer Berufung festhält, trotz all der Schwierigkeiten, wenn es darum geht, ihre Teppiche zu verkaufen. Das Geheimnis liegt möglicherweise in ihrer Kreativität, in diesem Drang zum künstlerischen Schaffen, der sie immer wieder ermutigt hat, sich über alle Erschwernisse hinwegzusetzen und sich weiterhin ihrem Beruf zu widmen. Dieser Hartnäckigkeit und diesem Talent ist es zu verdanken, dass sie webend malt und malend webt, dass sie in ihren Arbeiten Vergangenheit und Gegenwart, Ideale und Wirklichkeit miteinander verbindet. |
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